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KHM-Forschungspreis Hausarztmedizin 2010 Schneller verletzt als gedacht: das ArztgeheimnisDer "KHM-Forschungspreis Hausarztmedizin" - gestiftet von Mepha - geht in diesem Jahr an die Genfer Ärztin und Theologin Prof. Dr. med. Bernice Elger und den Hausarzt und Medizininformatiker Dr. med. Heinz Bhend aus Aarburg. Für ihre 2009 im British Journal of General Practice erschienene Arbeit "Violations of medical confidentiality: opinions of primary care physicians" [1]. (Die Meinungen von Hausärzten und allgemeinärztlich tätigen Spitalärzten zur Verletzung des Arztgeheimnisses") erhält die Internistin Bernice Elger, die am Institut für Rechtsmedizin des Universitätsspitals Genf (HUG) tätig ist, den Hauptpreis in Höhe von 25 000 CHF. Mit einem Spezialpreis von 5000 CHF ausgezeichnet wird die von Heinz Bhend eingereichte Arbeit mit dem Titel "Elektronische Dokumentation und Forschung in der Hausarztmedizin. Machbarkeit und Potential der Forschung in Hausarztmedizin am Beispiel des FIRE-Projekts". Der Forschungspreis des Kollegiums für Hausarztmedizin (KHM) wird für herausragende Arbeiten zu wichtigen Aspekten der hausärztlichen Grundversorgung verliehen. Vorsitzender der Jury ist Prof. Hans Stalder, ehemals Chefarzt der medizinischen Poliklinik und des Département de Médecine communautaire am Universitätsspital Genf. Die Preisübergabe fand am 24. Juni 2010 im Rahmen der 12. KHM-Fortbildungstagung im KKL in Luzern statt. Darf ein Arzt den Namen und die Erkrankung eines prominenten Politikers seiner Ehefrau offenbaren, welche selbst Ärztin ist? Ist ein Arzt bei einem im Wartezimmer geschehenen Diebstahl befugt, der Polizei die Liste der Patienten auszuhändigen? In ihrer preisgekrönten Arbeit illustriert Prof. Bernice Elger anhand von 7 Fallbeispielen, wie gut 378 Hausärzte und 130 Spitalärzte (mehrheitlich Allgemeininternisten mit Berufsziel Hausarzt) aus Genf erkennen, ob sie in ihrem Alltag mit der Weitergabe von Informationen einen Vertrauensbruch begehen, bei dem ein einzelner Patient identifizierbar ist. Die Wissenschaftlerin verglich die ärztlichen Einschätzungen mit jener von 311 Medizin- und Jura-Studenten aus einer früheren Studie sowie mit der Referenzauskunft von Rechtsprofessoren aus verschiedenen europäischen Ländern inklusive der Schweiz. Bei allen Fallsituationen handelte es sich um vermeidbare, nicht gerechtfertigte Verletzungen des Arztgeheimnisses, jedoch nicht um ethisch strittige Fragen wie die Weitergabe von Informationen zur Abwendung von Schäden an Dritten, beispielsweise bei Verdacht auf Kindesmissbrauch. Das Ergebnis der Studie überrascht. Wie die Untersuchung ergab, sahen je nach Fallsituation nur 4 bis 57% der Ärzte oder Studenten überhaupt einen Vertrauensbruch für gegeben - viel zu wenig, wie der Vergleich mit den auf Gesundheitsrecht und Schutz der Privatsphäre spezialisierten Juristen zeigt. Während insgesamt 11% der praktizierenden Ärzte den Vertrauensbruch in allen in Betracht gezogenen Fällen erkannten, waren es bei den Medizin- und Jurastudenten nur 9% bzw. 7%. Ausser in einem Fall - dem fahrlässigen Umgang mit Computerdaten - wurde der tatsächliche Schweregrad der Vertrauensbrüche von den Ärzte und Studenten deutlich unterschätzt. Denn fünf der sieben Situationen hatten Rechtsexperten als schwer eingestuft, zwei als zumindest eine Verwarnung des Arztes rechtfertigend. Die auf ethische und humanitäre Fragen
sowie die Gesundheitsversorgung von Häftlingen spezialisierte Preisträgerin
sieht durch die Ergebnisse die Notwendigkeit bestätigt, Ärzte
für Dilemmas mit dem Arztgeheimnis zu sensibilisieren. Sie plädiert
dafür, das Thema Arztgeheimnis stärker in die ärztliche
Weiter- und Fortbildung oder bereits in das Studium zu integrieren. Das
Interesse der Ärzteschaft sei vorhanden: Im Rahmen der Studie war
die Mehrheit der befragten Ärzte der Einladung zu Fortbildungsveranstaltungen
am Universitätsspital Genf gefolgt, an denen die Studienergebnisse
diskutiert wurden. Forschung auf Knopfdruck Das mit dem Spezialpreis des KHM-Forschungspreises geehrte FIRE-Projekt ist ein Gemeinschaftsprojekt der von Heinz Bhend geleiteten Arbeitsgruppe SGAM.In-formatics und dem Institut für Hausarztmedizin der Universität Zürich. FIRE steht für "Family Medicine ICPC-Research using Electronic Medical Record" und widmet sich der Nutzbarmachung der immer weiter verbreiteten elektronischen Krankengeschichte für die hausarztmedizinische Forschung. Die noch nicht publizierten Ergebnisse des
FIRE-Projekts belegen, dass die Auswertung elektronisch verfügbarer
Patientendaten zu Forschungszwecken oder im Rahmen der Qualitätssicherung
(Stichwort "Praxisspiegel") mit vertretbarem Aufwand und zudem
im Rahmen der Routine möglich ist. Über eigens erstellte Exporttools
lassen sich aus den elektronischen Patientenakten - neben Alter und Geschlecht
als die einzigen personenbezogenen Angaben - Vitaldaten, Labor- und Medikamentendaten
anonymisiert in eine zentrale Datenbank exportieren. Voraussetzung für
den reibungslosen Abgleich zwischen den Daten verschiedener Praxen und
für mehr Übersicht bei zunehmender Datenfülle ist die Verwendung
einheitlicher Problemlisten bei der Erstellung der elektronischen Patientenakten.
Bewährt hat sich die Problemliste des WHO-Klassifizierungssystems
ICPC-2 (International Classification in Primary Care). Die Arbeitsgruppe
SGAM.Informatics ist derzeit damit befasst, ICPC-2 im Auftrag der Schweizerischen
Gesellschaft für Allgemeinmedizin (SGAM) als Standard für die
elektronische Dokumentation respektive Codierung in der Schweiz zu implementieren.
Fotos von der Preisverleihung und ausführliche Unterlagen zu den preisgekrönten Forschungsarbeiten stehen auf der Kongress-Website in der Rubrik "Presse" zum Download bereit (bitte hier klicken).
Dr. Winfried Suske
1 Elger B.S. Violations of medical confidentiality:
opinions of primary care physicians. |
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Copyright © 2010 EMH Swiss Medical Publishers Ltd. |